Gründonnerstag – A: Ex 12,1-8.11-14 / Joh 13,1-15

(Kleinraming, 13. IV. 2017)

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„Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?“ – Der Jüngste in der Tischrunde stellt diese Frage, wenn eine jüdische Familie das Pessach-Mahl feiert. Aufgabe des Tischvaters ist es dann zu antworten, indem er von jenem besonderen Nachtmahl erzählt, von dem auch die heutige Lesung aus dem Ersten Testament berichtet und das sich unter merk-würdigen Umständen vollzog: „die Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand“ und in großer Hast. Und weiter erzählt der Tischvater, wie Gott in jener Nacht die Israeliten befreite und hinausführte aus der ägyptischen Sklaverei und durch die Wüste ihrem verheißenen Land entgegen. – Diese Befreiung stellt die Geburtsstunde, das „Urdatum“ des Volkes Israel dar. Die Frage des Jüngsten und die Antwort des Ältesten bei der jüdischen Pessachfeier zielen also letztlich ab auf die Identität des Gottesvolkes: „Wer sind wir?“, lautet im Kern die Frage und die Antwort ebenso im Kern: „Wir sind Angehörige jenes Volkes, das Gott selbst befreit hat.“ – Tausende Jahre sind seit jener denkwürdigen Nacht vergangen, zahllos die Pessach-Nächte, in denen die Angehörigen Israels diese ihre Urerinnerung gefeiert haben in alles andere als befreiten Zuständen, sondern erneut unterdrückt, verfolgt, in Gettos gefangen gehalten. Dennoch – in all den Jahrtausenden, Jahr für Jahr diese Erinnerung: „Wir sind das von Gott befreite Volk.“

Auch wir ChristInnen beginnen an diesem Abend unser wichtigstes Fest im Jahreskreis. Auch wir feiern heute auf besondere Weise die Erinnerung einer denkwürdigen Nacht und eines Geschehens, das zum zentralen Identitätsmerkmal unseres Christseins geworden ist. Und auch für uns steht dabei heute ein Mahl im Mittelpunkt und die Aufforderung, dieses Mahls und seines Stifters wieder und wieder zu gedenken. Doch ansonsten … : Anstatt in eine Befreiung mündete das Mahl, das wir heute erinnern, in eine Gefangennahme, und anstatt zu entschlossenem Aufbruch war der Herr dieses Mahls zum niedrigsten Knechtsdienst gegürtet. – Was bedeutet das? – Sind wir ChristInnen etwa (im Unterschied zu den Juden) nicht das befreite, sondern das von Gott in Knechtschaft und Erniedrigung geführte Volk? Ist denn der befreiende Gott der Juden nicht auch unser Gott? Aber der macht sich hier auf einmal selbst zum Knecht und Gefangenen? Was soll Befreiendes sein an diesem Beispiel, das Jesus gibt mit der Fußwaschung an Seinen Gefährten? Und was ist befreiend an Seiner Selbstauslieferung an die Feinde?

Befreiung und Freiheit sind bei uns ja ganz anders definiert: Leben ohne Zwang und aus reiner Selbstbestimmtheit; ungebunden gehen können, wann und wohin man selbst will; jederzeit tun und lassen können, was man will – das sind unsere gängigen Vorstellungen von Freiheit. Aber wir übersehen dabei etwas ganz Wesentliches: dass wir dabei doch nur Gefangene unserer selbst bleiben, Sklaven unserer eigenen Gewohnheiten und Vorlieben, aber auch unserer Ängste und Süchte. – Der eigentlich Freie im Sinn Jesu und im Sinn seines Evangeliums ist dagegen ein anderer: Der Mensch, der selbst frei von der Angst, zu kurz zu kommen, den zu kurz Gekommenen das Lebensnotwendige gibt; der Mensch, der selbst ohne Angst vor Demütigung und Missachtung, den Missachteten und Geringen Achtung und Zuwendung entgegen bringt; der Mensch, der sich bedingungslos an sein Gewissen und an seine Liebe bindet und seinem Weg treu bleibt bis zuletzt – ohne Angst, dadurch seine Freiheit zu verlieren; der Mensch schließlich, der in Dankbarkeit für das Geschenk seines Lebens fähig wird, auch sein eigenes Ende anzunehmen und sich ganz hinzugeben. – Frei ist also nicht der Mensch, der in allen Momenten seines Lebens sich alle Möglichkeiten offen zu halten versteht. Nein, wahrhaft frei ist der Mensch erst darin, dass er sein Leben bindet und hingibt an das, was er liebt; dass er sich also zum Diener, ja zum Gefangenen seiner Liebe macht.

Morgen am Karfreitag werden wir in der Leidensgeschichte Jesu Pilatus beim Anblick des gefesselten, misshandelten, mit Dornen gekrönten Jesus ausrufen hören: „Ecce homo! – Sehet, den Menschen!“ Der nur scheinbar freie und mächtige Pilatus, erkennt in Jesus das, was der Mensch zutiefst sein könnte – erkennt in Jesus den Menschen, wie er von Gott gewollt ist: den wahrhaft Freien, der in aller Gebrochenheit immer noch er selbst ist, treu seinem Auftrag und seiner Liebe bis zur letzten Konsequenz der Selbsthingabe. Das ist die Freiheit, zu der Gott uns befreien will im Beispiel, das Jesus uns gegeben hat. Das ist der Weg der Befreiung, dessen wir uns erinnern am christlichen Osterfest, und den wir heute beginnen und mitgehen wollen – bis hin zu jener äußersten Befreiungstat Gottes, in welcher der letzten Fessel unserer Freiheit, in welcher dem Tod die Herrschaft genommen wird.


Karfreitag – A: Joh 18,1 – 19,42

(Kleinraming, 14. IV. 2017)

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Aus dem antiken Judentum aber auch aus anderen archaischen Kulturen des Orients ist uns das „Sündenbock-Ritual“ überliefert: Dabei werden an einem bestimmten Feiertag durch den Hohepriester die Sünden des gesamten Volks symbolisch einem Ziegenbock aufgeladen; dieser wird anschließend in die Wüste gejagt, wo er schließlich verendet; gleichzeitig wird damit die ihm aufgebürdete Sündenlast vernichtet und das dadurch wieder gereinigte Volk der Gläubigen mit Gott versöhnt.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass derartige Vorstellungen auch in der Deutungsgeschichte des Kreuzestodes Jesu eine Rolle spielten. Gelegentlich begegnet hier Jesus gleichsam als Sündenbock: Bereits in den Briefen des Neuen Testaments und noch viel mehr in liturgischen Texten späteren Datums finden sich etwa Formulierungen wie: „Jesus ist für unsere Sünden gestorben.“, „Er hat die Sünden(-last) der Welt auf sich geladen.“, „Jesus hat sich selbst [oder wurde] am Kreuz als Opfer dargebracht zur Sühne für die Sünden der ganzen Welt.“ etc.

Auch wenn wir uns an manche dieser Formulierungen gewöhnt haben mögen, wirklich verständlich sind sie doch wohl den Wenigsten von uns. Wir tun uns doch eher schwer mit der Vorstellung von einem Gott, der durch Sühneopfer wieder besänftigt, versöhnt und zufrieden gestellt werden müsste – am Ende gar noch durch die Opferung seines eigenen Sohnes. Archaisch fremd mutet uns wohl überhaupt die Idee des Sündenbock-Rituals an: ein anderes, am Ende gar unschuldiges Lebewesen mit der eigenen Schuld zu beladen, also die eigene Verantwortung schlicht und einfach auf dieses andere Leben abzuwälzen und es für die eigenen Verfehlungen haften zu lassen. Irgendwie wirkt das abartig, ja unanständig …

Und doch geschieht genau das tagtäglich auch in unserer modernen Welt. In der Politik ist es seit Jahrhunderten bis heute ein beliebtes Instrument der Machteliten, aber es findet genauso Anwendung in privaten Zusammenhängen: Um von eigenen Fehlleistungen und mangelnden Problemlösungsfähigkeiten abzulenken, wird die Schuld für soziale Missstände und für ungelöste gesellschaftliche oder persönliche Probleme auf Sündenböcke überwälzt – auch wenn sie nicht direkt so genannt werden. Praktisch immer sind es weitgehend macht- und wehrlose Menschen und soziale Randgruppen, die für alles Mögliche verantwortlich gemacht werden: Waren es früher z.B. Juden oder als Hexen denunzierte Frauen, so sind es heute Asylanten, muslimische und andere Zuwanderer, Arbeitslose, die pauschal zu „Sozialschmarotzern“ umgetauft werden, aber auch Mobbing-Opfer in sozialen Medien oder – am anderen Ende der sozialen Skala – „die Reichen“ oder (wie im jüngsten US-amerikanischen Wahlkampf) das „Establishment“, also „die da oben“. – Es ist ja so unerhört einfach – genauso wie die uralte Methode mit den Ziegenböcken: Man lädt eigene Verantwortung ganz einfach ab und ist sie damit los. Das geht ruck-zuck und tut überhaupt nicht weh. Das ursprüngliche Problem ist damit zwar keineswegs gelöst und aus der Welt geschafft, aber man selbst ist entlastet und braucht nichts weiter zu tun, als die Sündenböcke zu benennen.

Wenn das, liebe Schwestern und Brüder, wirklich auch der Sinn des christlichen Karfreitags wäre, es wäre nichts als eine Schande für unseren Glauben und unsere Religion! – Nein, das kann und darf es nicht sein! – Mag sein, dass Jesus damals vor 2.000 Jahren als Sündenbock herhalten musste für allerhand ungelöste soziale, religiöse und politische Probleme seiner Zeit – und er mag sich dafür auch besonders gut geeignet haben, weil ihn die eigene Botschaft zur absoluten Wehr- und Gewaltlosigkeit bestimmte. Mag auch sein, dass wir genau darum in Jesu Kreuz ein besonders erschütterndes Zeichen völliger Hingabe und Liebe verehren. – Was die Verehrung des Kreuzes und Todes Jesu aber keineswegs (mehr) sein darf: ein praktischer Mechanismus, die eigene Verantwortung für Leid und Unrecht loszuwerden und sich einfach davon zu stehlen!

Falls Jesus selbst ein Sündenbock für andere war, dann sollte er eigentlich für alle Zeiten der letzte Sündenbock gewesen sein! Sein Opfer dürfte sich eigentlich nicht wiederholen! Und wenn wir hernach unsere Knie beugen vor seinem Kreuz, so verneigen wir uns darin gleichzeitig vor allen unschuldigen Sündenböcken auch unserer Tage. Sie sind ja nicht das Problem unserer Zeit. Das Problem besteht darin, dass sie dazu gemacht werden!


Ostern – A: Mt 28,1-10

(Kleinraming / Linz – Ursulinenkirche, 15./16. IV. 2017)

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Ostern und Weihnachten; die beiden zentralen Feste unseres Glaubens beginnen jeweils im Dunkel der Nacht. Zuerst Stille und Finsternis – und dann plötzlich Kerzenlicht, Weihrauchduft, Glockenklang und festliche Gesänge … Wer wollte bestreiten, dass solch nächtlichen Feiern ein ganz besonderer Zauber innewohnt? Aber nicht die besonderen sinnlichen Reize sind der ausschlaggebende Grund für die seit den Anfängen des Christentums nächtlichen Feiern. Der Grund liegt auch nicht darin, dass die in diesen Feiern erinnerten Ereignisse – Geburt und Auferstehung des Messias – nach alter Überlieferung eben jeweils zu nächtlicher Stunde stattgefunden haben. Der tiefste Grund für die nächtlichen Hochfeste unseres Glaubens liegt vielmehr darin, dass das Dunkel der Nacht sozusagen zu ihrer Botschaft dazu gehört und daraus nicht wegzudenken ist. Wie die Botschaft von Weihnachten braucht auch das Osterevangelium die Nacht, um vollständig gehört werden zu können.

Ich will damit sagen: Die Osterbotschaft kann nur vor einem ganz bestimmten Hintergrund richtig ertönen und gehört werden: vor dem Hintergrund des Todes. Die Botschaft von der Auferstehung setzt die Wirklichkeit des Todes nicht einfach außer Kraft. Und sie macht nicht einfach ungeschehen, was davor passiert ist: weder das Gute und Lichtvolle im irdischen Dasein Jesu noch sein schreckliches Ende. Sie löscht die Endlichkeit irdischen Lebens also nicht einfach aus; aber sie verwandelt sie – damals wie heute.

Durch die Auferstehung Jesu werden also die Dunkelheiten unseres Daseins nicht einfach abgeschafft. Sinnloses Leiden, Gewalt gegen Unschuldige, Tod für alle – das sind auch nach Ostern immer noch Elemente unseres Daseins; das sind immer noch diese Welt prägende Mächte. Und doch vermag die Botschaft von der Auferstehung unser Leben grundlegend zu ändern und zu verwandeln.

Worin aber besteht diese Verwandlung? Was macht ein Leben „aus dem österlichen Glauben“ anders? Was kann Ostern verändern für das Leben im Hier und Heute? – Nun, wenn Christsein heißt, in dieser Welt aktiv mitzubauen am Reich Gottes, also an Verhältnissen, in denen auch Arme, Kranke, Schwache, Außenseiter gut leben können und ihnen die Gerechtigkeit Gottes zuteil wird – dann stehen letztlich alle, die sich um ein solches Leben bemühen, in der Gefahr, an den Widerständen dieser Welt zu zerbrechen. Wer wachen Blickes all das Elend, Armut und Hunger, Unrecht und Gewalt der Stärkeren in dieser Welt wahrnimmt, den könnte leicht der Mut verlassen, der könnte leicht von Verzweiflung und Resignation überwältigt werden und ans Aufgeben denken, weil das eigene Tun als kaum mehr als der berühmte Tropfen auf heißem Stein erscheint. „Österlich leben“ bedeutet demgegenüber aber gerade nicht Aufgeben und Resignieren – und zwar nicht aus bloßer Sturheit und Unbelehrsamkeit, sondern weil die Osterbotschaft davor bewahrt und zur Unverdrossenheit ermutigt.

Die Osterbotschaft sagt zwar nicht einfach: „Es gibt kein Leiden und keinen Tod mehr.“, sie sagt vielmehr: „Leiden und Tod haben nicht das letzte Wort.“ Und das meint: Diese Welt wird einen guten Ausgang nehmen. Deine Mühen und Dein Einsatz für das Reich Gottes werden nicht vergeblich sein, so aussichts- und erfolglos sie auch oft erscheinen mögen. Nein – alles, was in Liebe getan wird, bleibt bestehen. Deshalb ist nichts davon sinnlos oder vergeudete Liebesmüh. – „Österlich leben“ bedeutet deshalb, einfach unverdrossen das Gute tun, ohne auf den Erfolg zu achten – einfach deshalb weil es gut und in Gott geborgen ist.

Deshalb erklingt die Osterbotschaft nur im Dunkel der Nacht wirklich verständlich und vollständig: Denn die Botschaft von der Auferstehung schafft die Nacht zwar nicht einfach ab; die dunklen Gegenmächte unseres Leben wirken weiter und bleiben Teil unseres Daseins. Aber sie sind nicht länger der ganze Untergrund unserer Existenz. Die Nacht ist selbst noch einmal umfangen. Den Grundton allen Lebens bildet nicht länger die Angst vor dem Tod, sondern unverdrossene Hoffnung und das Vertrauen in Gott.


 Nächste Predigt: 3. Sonntag der Osterzeit − A, 30. April 2017

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Die Wahrheit ist
dem Menschen
zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)