3. Adventsonntag – A: Jak 5,7-9 / Mt 11,2-6

(Linz – Ursulinenkirche, 11. XII. 2016)

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Einem Orchester, in dem nur helle Melodieinstrumente spielen, fehlt das Fundament, das der ganzen Musik überhaupt erst Volumen und Tiefe verleiht. So ist es auch mit dem Advent: Bestünde er nur aus lieblichen Liedern, süßen Düften, Glühweinseligkeit und bunten Lichtern in der Nacht, verkäme er zum alljährlichen Kitschritual und verflüchtigte sich in romantisch-nostalgisches Brauchtum. – Manche adventliche Bibellesungen bringen aber einen dunkleren Klang in die ganze behagliche Adventsstimmung – und das ist gut so!

So ein dunklerer Klang liegt zweifellos in den Worten der vorhin gehörten Lesung aus dem Jakobus-Brief. „Der Richter steht vor der Tür.“, heißt es da. – Advent heißt, das Kommen Gottes erwarten. Aber die vertraute weihnachtliche Krippenidylle scheint diese Erwartung zuweilen etwas zu trüben: Denn der christliche Advent erwartet das Kommen Gottes nicht als romantische Idylle, sondern zunächst – als Gericht. – Freilich bedarf es an dieser Stelle einer Erläuterung dessen, was die Bibel meint, wenn sie von „Gericht“ spricht: Man denkt dabei ja spontan eher an Strafrichter, Verurteilung und Bestrafung – und vergisst darob leicht die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „richten“. Diese läuft keineswegs sofort auf „verurteilen“ und „bestrafen“ hinaus, sondern zunächst auf „Recht (ver)schaffen“, „richten“ im Sinn von „recht machen“, „herrichten“, „wiederherstellen“.

Vor diesem Hintergrund ist auch die heutige Evangelienstelle zu lesen: Johannes, der große Mahner in der Wüste, der den Mächtigen lästig gewordene und deshalb gefangen gesetzte Bußprediger, lässt Jesus fragen, ob er der von ihm selbst Angekündigte sei – und wir dürfen ergänzen: der erwartete Richter? – Jesus antwortet mit einer nüchternen Aufzählung all dessen, was gerichtet wird: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ – Spätestens im letzten Halbvers wird klar, dass Jesus nicht als bloßer Wunderheiler verstanden werden wollte: Es geht ihm auch um eine gute Nachricht für die Armen – was nichts anderes heißen kann, als sich auf deren Seite zu stellen, ihnen ihr Recht zu verschaffen, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und also wieder gerechte Verhältnisse herzustellen. – Richten im biblischen Sinn meint also heil machen, wiederherstellen, es wieder recht machen – aber: keineswegs allen!

Es ist insofern gut möglich, dass die Ankündigung selbst eines solchen Gerichts manchen Menschen Unbehagen oder gar Angst einflößt. Denn das Einsetzen des göttlichen Gerichts im beschriebenen Sinn bedeutet unweigerlich das Ende von Verhältnissen, von denen manche – wie sich dann herausstellen wird – zu unrecht profitiert haben. Die adventliche Ankündigung vom Kommen Gottes als Richter erinnert also daran, dass wir noch lange nicht in der gerechtesten aller möglichen Welten leben, und dass diese Welt deshalb nicht so bleiben kann und darf, wie sie ist, dass sie also nach Neuausrichtung verlangt. Sie erinnert aber auch daran, dass das Jetzt noch nicht alles ist, sondern dass hinter allem Jetzt ein viel größeres, heileres Noch-Nicht darauf wartet, Wirklichkeit zu werden: Zukunft – aber eben nicht einfach als kontinuierlich fortgeschriebene, in ihrer Heillosigkeit verlängerte Gegenwart, sondern von ganz anderem, neuem Gehalt: „gerichtete“ Gegenwart.

Nur dunkle und helle Töne gemeinsam ergeben also den vollen Klang des Advents: Die Botschaft des Advents hält in ihren hellen Tönen die Hoffnung auf eine bessere Welt wach, und dunkel schwingt dabei zugleich die Erinnerung mit, dass diese Welt dafür noch grundlegender Veränderung, Richtigstellung und neuer Ausrichtung bedarf. Auch die helleren, an Visionen von einer besseren, gerechteren, friedlicheren Welt so reichen adventlichen Bibellesungen wollen insofern ermutigen zu beidem: zu Hoffnung und zu Umkehr, zum Träumen und zur Verwirklichung dieser Träume. Frei nach einem Wort der Dichterin Frederike Frei könnte die Botschaft des Advents also auch lauten: „Du kannst deine Träume nicht fristlos entlassen. Du schuldest ihnen noch dein Leben.“


Nächste Predigt: 4. Adventsonntag − A, 18. Dezember 2016

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Die Wahrheit ist
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(Ingeborg Bachmann)