25. Sonntag im Jahreskreis – C: Lk 16,1-13

(Linz – Ursulinenkirche, 18. IX. 2016)

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Ich gestehe: So oft und intensiv ich mich auch mit dieser Evangelienstelle befasse, ich komme damit zu keinem einfachen Ergebnis; zu viele unbeantwortbare Fragen, zu starke logische Widersprüche, als dass sich eine eindeutige Aussage herausdestillieren ließe: War z.B. das Lob Jesu für den unredlichen Verwalter ernst oder ironisch gemeint? Ist die diesem zugeschriebene Klugheit im Umgang mit Seinesgleichen insofern wirklich positiv gemeint – oder eben gerade nicht vorbildhaft für die „Kinder des Lichts“? Wie kann denn in dieser Welt eine „Freunderl-Wirtschaft“ nach Art dieses „klugen“ (wir würden heute wohl eher „schlau“ oder „gerissen“ sagen) Verwalters den Zutritt zu den „ewigen Wohnungen“ eröffnen – wo doch gleich darauf gesagt wird, dass Unzuverlässigkeit im Kleinen kaum dazu befähigt, „rechte und wahre Güter“ anvertraut zu bekommen? – Theologische Aussagen und bloße Alltagsweisheiten scheinen in der Redaktion dieser Bibelstelle zu sehr durcheinander geworfen worden zu sein; man müsste sich eigentlich dranmachen und jeden einzelnen Vers sorgfältig zerlegen und drehen und wenden, um ihn klären zu können; und ob sich daraus dann wirklich ein roter Aussage-Faden spinnen ließe, bleibt immer noch fraglich. Ein zu langwieriger Prozess jedenfalls für eine Predigt…

Immerhin: Was ich aus diesen Versen insgesamt herauszulesen vermag, ist eine starke Relativierung und Kritik des Privateigentums bzw. Reichtums – und das ist in Hinblick auf unsere aktuelle Gesellschaftsordnung und bürgerliche Moral durchaus starker Tobak: Nebenbei und wie selbstverständlich wird da der Reichtum „ungerecht“ genannt – gleich zweimal! Und sollte das Lob Jesu über den unredlichen Verwalter tatsächlich ernst gemeint sein, dann ist für Jesus das Eigentumsrecht des reichen Mannes offenbar nicht so tabu und jedenfalls weniger wert als gute soziale Beziehungen zur Absicherung des Einzelnen – selbst wenn diese Beziehungen auf nicht ganz geraden Beinen stehen. Unserem bürgerlich-moralischen Empfinden entspricht das jedenfalls nicht.

Weshalb eigentlich wird der Reichtum hier einfach in Bausch und Bogen „ungerecht“ genannt? – Müssen wir annehmen, dass der Reichtum, den der unredliche Verwalter zu verwalten hatte, selbst schon unehrlich erworben wurde? Wäre möglich. Aber vielleicht steht ein noch tieferer Sinn dahinter: Bei genauerem Studium biblischer Texte wird deutlich, dass Reichtum und Armut in der Bibel niemals nur an sich wertneutrale Bezeichnungen für die materielle Ausstattung von Menschen sind, sondern immer auch „Seinsweisen“ beschrei­ben: Reichtum hat bzw. besitzt ein Mensch also nicht nur, sondern der betreffende Mensch ist bzw. handelt dann auch reich; d.h. er denkt, fühlt, urteilt, entscheidet, handelt mit der Perspektive eines Rei­chen – und er entscheidet und handelt insofern grundlegend anders, als wenn er weniger oder gar nichts besäße: Er kann etwa riskieren, weil sein Reichtum ihm den Rücken frei hält. Er hat Macht, weil er über Handlungsspielräume verfügt und ihm sein Reichtum auch Gewicht und Einfluss verleiht. Und vor allem: Einem Reichen kann aufgrund seiner Position nicht wirklich daran gelegen sein, dass sich an den aktuellen gesellschaftlichen Verteilungsverhältnissen und Positionen wirklich etwas ändert. Er müsste ja auf all seine genannten Vorteile verzichten. Das wiederum führt in der Logik der Bibel zum Schluss, dass die Tatsache, dass es in der Welt nun einmal Arm und Reich nebeneinander gibt – dass das nicht einfach ein quasi naturgesetzlicher, jedenfalls unvermeidlicher Tatbestand ist, son­dern dass hinter diesen ungleichen Verhältnissen immer Interessen von Menschen ste­hen. Und es liegt dann auf der Hand, dass für diese Verhältnisse in der Hauptsache jene verantwortlich zeichnen, die – nicht zuletzt aufgrund ihres Reichtums – auch über mehr wirt­schaftlichen und politischen Einfluss bzw. Macht verfügen.

Der biblische Glaube geht aber davon aus, dass Gott die Welt allen Menschen anvertraut und sie reichlich gesegnet hat. Reichtum, der einfach neben existierender Armut besteht, ohne sich weiter darum zu kümmern bzw. die eigene Position und das eigene (vermeintlich unantastbare) Eigentumsrecht in Frage stellen zu lassen, bedeutet vor diesem Hintergrund ein Vorenthalten des rechtmäßigen Anteils an den Gaben der Schöpfung – und ist in biblischer Perspektive also eine Ungerechtigkeit!

Vielleicht liegt hierin sogar eine tiefere Begründung für dieses bekannte Wort, wonach ein Mensch nicht zugleich Gott und dem Mammon dienen kann: Es geht dabei nicht nur um die Wahrscheinlichkeit, dass die Sorge um Besitz und Wohlstand das Herz eines Menschen stets zu sehr in Beschlag nehmen würde, um auch noch der Sorge um Gott und sein Reich den gebührenden Platz einzuräumen. Nein: Wenn „Gerechtigkeit“ einer der Namen Gottes ist, dann kann dasselbe niemals für den Reichtum gelten, solange es zugleich Armut in dieser Welt gibt; dann ist Reichtum – weil „ungerecht“ im biblischen Sinn – geradezu ein Gegenbegriff zu Gott!

Mir ist bewusst, dass sich das alles jetzt leichter sagt, als dass klare und eindeutige Konsequenzen daraus zu ziehen wären: Sollen wir etwa alle hergehen und alles, was wir besitzen, einfach herschenken – aber wem konkret und wozu? Ließe sich dadurch die Kluft zwischen Arm und Reich wirklich überwinden? Und wäre eine solcherart freiwillig gewählte Armut außerdem nicht immer noch etwas grundsätzlich anderes als unfreiwillige Armut? Ja, wäre sie nicht geradezu ein weiteres Privileg von Reichen, insofern Armut ja gerade die weitgehende Einschränkung freier Handlungsoptionen bedeutet?

Vielleicht kann die von der Bibel postulierte Ungerechtigkeit des Reichtums wenigstens ansatzweise dadurch überwunden werden, dass auch die Besitzenden die Wirklichkeit mit den Augen der Bibel zu sehen beginnen: dass sie sich selbst also als (mit-)verantwortlich an der sozialen Spannung zwischen Arm und Reich begreifen; dass sie erkennen, dass alle ihre sozialpolitischen Lösungsansätze immer noch aus der Position von Reichen heraus geboren sind; und dass Armut nur dadurch überwunden werden kann, die Armen selbst zu befähigen und zu ermächtigen, ihr Leben frei und ohne Überlebensdruck in die eigene Verantwortung zu übernehmen. Das aber verlangt von Reichen nicht nur Almosen, sondern in einer Welt mit begrenzten Ressourcen echtes Teilen von Lebens- und Handlungschancen, also auch von Besitz, der nur so „gerecht“ werden kann.

Das ist nämlich die einzige theologische Rechtfertigung von Privateigentum und Besitz – auch in der Katholischen Soziallehre: dass sie dem Besitzenden jenen freien Handlungsspielraum eröffnen, der die unbedingte Voraussetzung dafür ist, überhaupt eigenverantwortlich und insofern auch moralisch bewertbar – also gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht – handeln zu können. Gut und gerecht im moralischen Sinn ist ein Mensch ja nur, wenn er auch anders – eben böse oder ungerecht – handeln könnte. Wer dagegen keine Wahl hat (und darin besteht ja das eigentliche Wesen echter Armut), ist weder gut noch schlecht; er handelt ja unter Zwang und kann dafür auch nicht verantwortlich gemacht werden. Zumindest in wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen aber ist es das Privateigentum, das einem Menschen Handlungsoptionen und damit auch die Chance eröffnet, Verantwortung wahrzunehmen, sich moralisch zu bewähren und auf diese Weise ein „guter“ Mensch zu werden. Das aber bedeutet wiederum, „Gott zu dienen und nicht dem Mammon“.


Nächste Predigt: 27. Sonntag im Jahreskreis − C, 2. Oktober 2016

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Die Wahrheit ist
dem Menschen
zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)