4. Fastensonntag – A: Joh 9,1-41

(Linz – Ursulinenkirche, 26. III. 2017)

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„Die Heilung eines Blinden“. – So lautet in den meisten gängigen Bibelausgaben die Überschrift über diese ungewöhnlich lange Evangelienstelle. Das ist eigentlich irreführend. Denn die berichtete Blindenheilung selbst nimmt nur ungefähr ein Sechstel des gesamten Textes ein. Worum es in der Folge in einer für biblische Verhältnisse ungewohnten Breite viel mehr geht, das ist die Skepsis, das Nicht-Wahrhaben-Wollen der übrigen Menschen.

Das gibt zunächst Anlass zu einer geradezu tröstlichen Feststellung: Schon die Menschen der Antike hatten ihre Probleme mit Wundern. Nachbarn des Blindgeborenen etwa können die wundersame Heilung einfach nicht glauben und bestreiten prompt die Identität des Geheilten. Die religiösen Autoritäten bezweifeln das Wunder ebenfalls, weil es sich verbotener Weise an einem Sabbat ereignete und deshalb kein echtes Wunder sein kann. – Keine Spur also von einer unkritischen Anbetung jeglichen Wunders durch die Menschen der Antike mit ihrem vorwissenschaftlichen Weltbild – während wir Menschen der Moderne uns damit eben so schwer tun dank unseres aufgeklärt-wissenschaftlichen Bewusstseins! Nein, die Trennlinie zwischen Verständnis und Ablehnung von Wundern verläuft keineswegs zwischen wundergläubigem Altertum und aufgeklärter Moderne. Sie ist offenbar auch keine Frage von Bildung, Wissenschaftsniveau und Verstandesschärfe. Die Trennlinie verläuft vielmehr entlang der Frage: Lasse ich in meinem Denken, Fühlen und Handeln Raum für das Wirken Gottes – oder halte ich die Grenzen meines Verstehens und meines Weltbildes überhaupt für die Grenzen der Wirklichkeit?

Aus genau diesem Grund sollte man diese ganze Bibelstelle aber auch weniger als Erzählung eines Heilungswunders lesen, sondern vielmehr als Parabel auf die unheilvolle Kraft von Vorurteilen und vorgefassten Meinungen verstehen: Für die Nachbarn wiegt die frühere Blindheit des Geheilten als Identitätsmerkmal offenbar schwerer als alles andere. Die konsultierten Religionsexperten vermögen in der Heilung auch nichts Gutes zu erkennen, weil sie ja mit einem Verstoß gegen das für sie unumstößliche Sabbatgebot korreliert. Weil also nicht sein kann, was nicht sein darf, wird die offensichtliche Tatsache geleugnet und damit die eigene Überzeugung und Weltsicht gerettet. Wer dagegen dieser eigenen Weltsicht nicht entspricht oder sie gar gefährdet, landet im sozialen Out: Der wundersam geheilte Blindgeborene erfährt sozialen Ausschluss. – Typisch für die Macht des Vorurteils ist auch: Seine Träger nehmen die eigene Lächerlichkeit bei der Verteidigung ihres Vorurteils nicht einmal wahr. Sie sind die eigentlich Blinden der ganzen Erzählung, die sich dabei auch noch klarsichtig und voll im Bilde dünken.

Es ist bemerkenswert, wie feinlinig dagegen der geheilte Blindgeborene gezeichnet wird – nämlich vollkommen unvoreingenommen dem vertrauend, was er wahrnimmt, und äußerst vorsichtig im Umgang mit der eigenen Erkenntnis: Auf die Frage nach dem Wie seiner Heilung, sagt er nicht etwa: „Jesus hat mich geheilt.“, sondern: „Der Mann, der Jesus genannt wird, hat das und das mit mir gemacht.“, und später: „Ob dieser Jesus ein Sünder ist, weiß ich nicht – nur …, dass ich blind war und jetzt sehen kann.“ Der Geheilte urteilt, wertet und interpretiert nicht, schiebt also nicht seinen eigenen Standpunkt in den Vordergrund; er sagt einfach, was ist. – Die abschließende Begegnung zwischen Jesus und dem Geheilten zeichnet diesen schließlich in einer Eigenschaft, die man geradezu „intellektuelle Redlichkeit“ nennen könnte: Auf Jesu Frage nach seinem Glauben an den Menschensohn, will er zunächst Aufklärung darüber, wer das überhaupt sei. Erst als sich sein Heiland selbst als dieser outet, spricht der Geheilte sein Glaubensbekenntnis.

Diese biblische Erzählung lässt nach eigenen Voreingenommenheiten, vorgefassten Meinungen und Vorurteilen fragen und vermag vielleicht sogar die Augen dafür zu öffnen. Und sie stellt uns exemplarisch einen Menschen vor, dem Heilung zuteil wird, weil er dafür auch die richtige Disposition mitbringt: Unvoreingenommenheit, offene Aufmerksamkeit, intellektuelle Redlichkeit. Er bildet sich sein Urteil nicht aufgrund scheinbar „allgemein gültiger“, fremder Zuschreibungen, sondern auf der Basis eigener Erfahrung und authentischen Erlebens. So etwas kann völlig neue Sichtweisen eröffnen – gerade in der Begegnung mit Fremdem und bislang Unbekanntem. – Das wiederum kann wunderbar heilsam sein.


 Nächste Predigt: 5. Fastensonntag − A, 2. April 2017

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Die Wahrheit ist
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(Ingeborg Bachmann)