9. Sonntag im Jahreskreis – C: 1Kön 8,41-43

(Linz – Ursulinenkirche, 29. V. 2016)

Download

Immer wieder taucht in der jüdischen Bibel die Vorstellung von Jerusalem als Zielpunkt einer internationalen Völkerwallfahrt auf; so auch im Gebet König Sálomos in der Lesung aus 1Kön: Fremde aus aller Herren Länder würden dereinst kommen, um den Gott Israels im Jerusalemer Tempel zu verehren. Zweifellos ist diese Vorstellung auch Ausdruck von Stolz: Stolz aus der sicheren Überzeugung der Überlegenheit des eigenen Gottes; Stolz darüber, dass Fremde sich von ihren eigenen Göttern abwenden, sich zum Gott Israels bekehren und fortan so leben wollen, wie es dem Glauben an diesen Gott entspricht.

Es muss nachdenklich machen, derartige Bibelstellen vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsbewegungen und Abschottungspolitik an den Grenzen Europas zu lesen. Müsste Europa, müssten wir EuropäerInnen nicht eigentlich stolz sein darauf, dass Millionen von Menschen unser Leben teilen und so leben möchten wie wir: stolz auf ein Leben in relativ hohem Wohlstand; stolz auf ein relativ hohes Maß an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, an sozialer Stabilität, an Freiheit und Rechtssicherheit; stolz auf unser Bildungsniveau, unsere kulturellen Leistungen, unseren gesellschaftlichen und politischen Organisationsgrad? Diese Liste ließe sich noch fortführen. Aber: Sind wir etwa stolz auf all das – oder nicht vielmehr ängstlich besorgt und darum bemüht, es abzusichern – falls notwendig mit Mauern und unter Verrat eigener Prinzipien und Werte, auf die wir doch stolz sein könnten, weil Fremde gerade derentwegen zu uns kommen möchten?

Es gibt übrigens auch in der jüdischen Bibel Passagen, die von einem ganz anderen Verhalten gegenüber Fremden zeugen: von einer radikalen Abgrenzung und Abschottung gegen sie bis hin zur offenen Aggression; von ängstlicher Sorge um die Reinheit sei es nun des eigenen Glaubens, sei es der eigenen Ethnie. Wer diese xenophoben Bibelstellen auf ihren historischen Kontext hin befragt, kann feststellen, das sie in der Geschichte des Gottesvolkes Israel gerade nicht von einer Epoche der Stärke und des gefestigten Selbstbewusstseins zeugen (wie das Gebet König Sálomos), sondern von Schwäche, Unsicherheit und Desorientierung, auch gesellschaftlicher Dekadenz. Wer sich der eigenen Prinzipien und Werte, des eigenen Glaubens und Lebenssinns nicht mehr sicher ist, muss umso krampfhafter an ihnen festhalten und sie verbissen verteidigen gegen vermeintliche Feinde von außen – ohne dabei zu realisieren, dass die eigentliche Gefahr von innen droht: sich nämlich des Werts der eigenen Kultur nicht mehr sicher zu sein.

Wer heute also beginnt, ein „wehrhaftes Christentum“ zu beschwören, wer ein „christliches Abendland“ verteidigen zu müssen glaubt, macht den damit verbundenen Gütern und Werten in Wirklichkeit Schande, weil er darin implizit ihre Gefährdung und Schutzbedürftigkeit eingesteht. Er gibt darin zu verstehen, dass er sich nicht einmal noch der eigenen Überzeugung, des eigenen Glaubens, des eigenen Gottes sicher ist. Haben viele Menschen in Europa nicht einfach deshalb Angst vor den Fremden, die sich da an ihren Grenzen drängen, weil sie – ohne es sich eingestehen zu wollen – in Wirklichkeit um die Schwäche und Leere ihrer tatsächlichen Religion bzw. ihres tatsächlichen Gottes wissen? Von Martin Luther ist uns ein bedenkenswertes Wort überliefert: „Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott!“ – Wer also den eigenen Lebensstil, die eigene Kultur, die eigene Religion nicht teilen zu können glaubt mit Fremden, gibt damit zu verstehen, dass diese selbst auf schwachen Beinen stehen und prekär geworden sind.

Die aggressive Ängstlichkeit und Abschottung Europas gegen die Fremden an seinen Grenzen, die sich in Europa eine bessere Zukunft erhoffen, zeugt in Wirklichkeit also davon, dass Europa seiner eigenen Lebenskultur selbst keine Zukunft mehr zutraut und sich in Wahrheit sogar dessen schämt, woran es sein Herz hängt: weil dieser Lebensstil in der Tat keine Nachhaltigkeit und also keine Zukunft kennt. In Wirklichkeit ahnen viele Menschen in Europa längst, dass der Gott des modernen westlichen Lebens ein Moloch ist, der den eigenen Kindern die Zukunft wegfrisst. Darauf kann in der Tat niemand stolz sein. Diesen Gott kann und soll man in der Tat mit niemandem teilen – aber auch nicht länger verteidigen!

In der biblischen Geschichte des Volkes Israel gilt die Ära des Königs David und seines Sohnes Sálomo als unüberbietbare Glanzzeit. Sie war zugleich eine Blütezeit gefestigten Glaubens an den Gott der Bibel; eine Zeit, die es nicht nötig hatte, sich vor anderen Göttern und deren Gläubigen zu fürchten. Sálomo war – im Gegenteil – davon überzeugt, dass früher oder später alle Völker sich dem Gott Israels zuwenden und ihm anhängen würden. Ich wage aus diesem Befund heraus die These, dass Europa nicht dadurch seine Stärke wiedergewinnen wird, dass es sich zur Festung ausbaut, sondern indem es sich selbst erneut jenem Gott zuwendet, welcher allem, was man heute noch unter „christliches Abendland“ versteht, seine Grundlagen und seine Orientierung schenkte.


Nächste Predigt: 11. Sonntag im Jahreskreis − C, 12. Juni 2016

← zurück zur Übersicht

Die Wahrheit ist
dem Menschen
zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)