3. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 4,12-22

(Linz – Ursulinenkirche, 22. I. 2017)

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Mein Vater war Maler- und Anstreichermeister. Ich erinnere mich noch gut, wie er eines Abends davon erzählte, wie er in der Wohnung eines alten Ehepaars auszumalen hatte. Dort war allem Anschein nach Jahrzehnte lang nichts mehr gemacht worden: Schon beim Eintreten übler Geruch; hinter den Möbeln dicke Schichten von Schmutz und klebrigem Küchendunst; die alten Bewohner selbst in abgetragenen, offensichtlich schon lange nicht mehr gewechselten Kleidern. Eine sehr unangenehme Arbeit. Als sie endlich beendet, als Schutt, Arbeitsmaterial und Werkzeug weggeräumt waren und mein Vater noch ein letztes Mal in die Wohnung zurückkehrte, bemerkte er, wie im Badezimmer Wasser in die Wanne gelassen wurde, die alte Frau frische Kleider aus dem Schrank und der Mann einen schönen Kerzenleuchter und guten Wein aus dem Keller holte und auf den Tisch stellte. Damals hat mein Vater seinen Beruf als Berufung begriffen: „Ich bin nicht nur Maler. Ich helfe Menschen dabei, ein neues Leben zu beginnen.“

Mein Vater gehört einer Generation an, die ihre Erwerbsarbeit noch mehrheitlich während des gesamten Arbeitslebens im erlernten Beruf verrichtete. Heute gibt es das zwar auch noch; aber die Zahl jener Menschen wächst rasant, die während ihres Erwerbslebens nicht nur ihren Dienstgeber, sondern sogar ganze Berufsfelder mehrmals wechseln; für viele Beschäftigungen fehlen zudem überhaupt klare Berufsbilder. Immer mehr Menschen verstehen ihre momentane Arbeit deshalb eher als „Job“ denn als „Beruf“, geschweige denn als „Berufung“. – Man kann das beklagen und bedauern; nützen wird das nicht viel. Die Entwicklung in diese Richtung wird nicht aufzuhalten sein.

Aber muss man das überhaupt beklagen oder gar aufhalten? Es mag zwar einem besonders in kirchlichen Kreisen lange gehegten Wunschdenken entsprechen, Erwerbsarbeit als Beruf zu verstehen und gar noch als geistliche Berufung „aufzuladen“. Ich vermute aber, dass diese Verknüpfung doch eher herrschenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet war als einem genuin christlichen Menschen- und Gesellschaftsbild; will sagen: Ich halte die christliche Rede von Berufung für keineswegs obsolet. Ich halte es aber für keineswegs notwendig, dass ein Mensch seine Berufung just in dem Job-Angebot findet und realisiert, das heute eben moderne Arbeitsmärkte bieten.

Wenn wir also biblische Berufungsgeschichten lesen wie etwa jene des heutigen Tagesevangeliums, dann gilt es, sich vor Fehlschlüssen zu hüten: Hier wird zwar berichtet, wie Jesus ein paar Fischer vom See Genezareth zu Menschenfischern beruft, und wie diese alles liegen und stehen lassen, um diesem Ruf zu folgen. Es ist aber keineswegs gesichert, dass die neuen Apostel fortan ihren Lebensunterhalt als hauptberufliche Missionare bestritten, dass sie ihre Berufung mithin auch als Grundlage für den Erwerb ihres Lebensunterhalts realisierten. Und selbst wenn es so gewesen wäre, sind damalige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Möglichkeiten keineswegs zwingend zu übertragen auf die Wahrnehmung einer Berufung heute.

Ich glaube schon, dass ein Mensch glücklich zu nennen ist, wenn er für sein Leben so etwas wie eine Berufung erkennt und erfährt – im Sinne von Erfüllung, Sinnstiftung, Lebenszweck; und ich glaube auch, dass es für das Glück eines Menschen geradezu unerlässlich ist, nach dieser Berufung zu suchen. Und es mag zwar eine Erleichterung sein, wenn er diese Berufung auch in seinem Erwerbsleben realisieren kann; eine notwendige Bedingung ist das aber keineswegs. Es ist – zumindest in der Moderne – einfach eine inhaltliche Überfrachtung, wenn man der Erwerbstätigkeit zwingend persönliche Identitätsbildung und Sinnstiftung zuschreibt. Zu viele Menschen können genau das in keiner Weise (mehr) aus ihrem Job gewinnen, haben aber zugleich keine Alternative. Sollte es für genau diese Menschen so etwas wie Berufung nicht geben? Das wäre doch ungerecht! – Nein, die berufliche Tätigkeit kann zwar für einen Menschen wesentlich und identitätsstiftend sein, muss es aber nicht. Man sollte deshalb auch endlich mit dem immer noch verbreiteten Brauch brechen, sich mit seinem Brotberuf vorzustellen.

Bleibt die Frage, wie man seine wirkliche Berufung findet. Vielleicht vermag hier ein nochmaliger Blick ins Evangelium helfen: Jesus macht hier aus Fischern Menschenfischer. Nehmen wir die Bezeichnung „Fischer“ einmal nicht als Berufs-, sondern als Wesensbezeichnung. Dann könnte man diese biblische Erzählung auch so interpretieren: Gottes Ruf entfremdet Menschen nicht ihrem ureigenen Wesen – im Gegenteil: Er führt sie nur noch tiefer in dieses Wesen hinein. Die Begegnung mit Jesus ruft einen Menschen nicht in ein anderes, ihm letztlich fremdes Sein, sondern in den tieferen, innersten Kern des eigenen Wesens und Seins. Der unermüdliche Ruf Jesu zur Umkehr könnte demnach auch als Aufforderung und Einladung zur Einkehr verstanden werden: Nicht „Werde anders!“, sondern „Werde, was du eigentlich und im Innersten bist!“ – Berufung erfahren hieße demnach, den innersten Sinn und Wert dessen zu entdecken und zu realisieren (im wörtlichen Sinn: verwirklichen), was ein Mensch nicht seiner Erwerbsarbeit, sondern seinem Wesen nach ist: Lehrer oder Krankenschwester, Musikerin oder Informatiker, Ehemann oder Mutter, Freund oder … einfach Mensch.


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Die Wahrheit ist
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zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)