Taufe des Herrn – B: Mk 1,7-11

(Linz – Ursulinenkirche, 7. I. 2018)

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Einer der vielen Superlative, die Jesus Christus zuzuordnen sind, ist: Er ist – mit Blick auf die gesamte Kunstgeschichte – der wohl am häufigsten nackt dargestellte Mensch: das neugeborene Kind in der Krippe, der Gekreuzigte, der Auferstandene, oft auch der wiederkommende Weltenrichter, heute: der erwachsene Täufling im Jordan. Aber nicht die leibliche Blöße Jesu selbst ist in den unzähligen Beispielen der Ikonografie das eigentlich Bewegende, also das, worauf es ankommt. Entschei­dend ist vielmehr, was diese Bilder des nackten Jesus mit dieser Nacktheit aus­drücken, worauf sie verweisen wollen: Nacktheit ist – so könnten wir ja daraus lesen – die Grundgestalt des Lebens Jesu; und die Taufszene des heutigen Evangeliums wirft darauf nochmals ein ganz besonderes Licht:

Nacktheit wird bei uns allzu vorschnell mit Erotik assoziiert. Wir sind alle geprägt von der Flut an erotisierenden Nackt-Bildern der Medien-, Mode- und Werbewelt – in aller Regel eigentlich Halbnackt-Bilder, die mit dem Reiz des gerade (noch) nicht Gezeigten spielen. Und wenn schon einmal vollkommen nackt, dann sind die da öffentlich präsentierten Körper normalerweise ästhetisch „überstylte“, geradezu ent­personalisierte Körper von Models, also von Modellen, die ja bekanntlich nur eine beschränkte reale Lebenstauglichkeit haben. Schlimmstenfalls bekommen wir es mit Bil­dern gewaltsam erzwungener Nacktheit zu tun, die dann aber gerade auf Entpersonalisie­rung und Raub der Menschenwürde abzielen. (Denken wir nur an Kinderpornografie oder die Bilder von Kriegsschauplätzen dieser Welt.)

Lediglich manche Werke der Avantgarde-Kunst in Film, Fotografie und Malerei thematisieren auch die zwanglose Nacktheit des alltäglichen, durchschnittlichen, des nicht gestylten, nicht posierenden Menschenkörpers. Und es ist auffallend: Gerade diese Darstellungen provozieren praktisch immer öffentliche Kontroversen und Ärgernis bis hin zum Ekel; wobei das vermutlich selten die wahren Gefühlsregungen sind, sondern eher Schutzreaktionen, um das auf Distanz zu halten und nicht an sich heran zu lassen, was immer noch ein Tabu im öffentlichen Raum ist und in seiner Preisgabe peinlich berührt: jene völlige Nacktheit, in der ein Mensch sich dem Blick eines Anderen so ausliefert und zeigt, wie er ist – ohne Schutz, ohne Maske, ohne Verstellung. Es bedarf im Normalfall eines Raums tiefen Vertrauens, in dem ein Mensch ohne Peinlichkeit und Scham und unter Wahrung seiner Würde fähig ist, sich in solch vollkommener Nacktheit zu zeigen. Und es bedarf wohl auch desselben Vertrauens, um einer solch vollkommenen Nacktheit eines Anderen ohne Widerstand oder Aggression begegnen zu können. Es bedarf dazu der Gewissheit völliger Geborgenheit in der Liebe eines Anderen.

Damit bin ich aber wieder bei Jesus als dem am häufigsten nackt darge­stellten Menschen der Kunstgeschichte und insbesondere bei der Taufszene des heutigen Evangeliums: Jesus begegnet hier als der neue Adam, der Mensch ganz nach Gottes Willen, der wieder fähig und befreit ist zu völli­ger Offenheit und Authentizität; der neue Adam, der keine Feigenblätter, keine Ausreden, keine Masken und Verstecke mehr benötigt, weil er sich geborgen weiß in der Zusage, die er in seiner Taufe empfangen hat: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“

Die leibliche Nacktheit, in der wir Jesus so häufig dargestellt finden, meint also nicht primär eine bloß passive Schutzlosigkeit und Exponiertheit: Sie steht auch für ungeschminkte Ehrlich­keit, für offensive Direktheit in der Begegnung. Das Vertrauen, aus dem heraus Jesus lebt, befähigt ihn zu Zivilcourage, zu klarer Parteinahme zugunsten Benachteiligter, zu völliger Treue seinem Gewissen und seinem Glauben gegenüber – und es befähigt ihn schließlich auch zum Scheitern: Er kann scheitern, weil er weiß, dass er nie ins Bodenlose fallen kann, dass da immer noch ein Wort und eine Hand sind, die ihn halten als restlos geliebten Menschen.

Mir ist bewusst: Solche idealen, superlativen Personenbeschreibungen sind dazu angetan, Jesus selbst wieder ins ferne Reich einer Götterwelt zu entrücken, die mit unserer alltägli­chen Lebenswirklichkeit nur schwer in einen vitalen, realistischen Zusammenhang gebracht werden kann. Die Stilisierung zum Helden und Idealmenschen kann dazu verlei­ten, Jesus unberührt auf der Höhe der Altäre seinen Heldentod sterben zu lassen, ohne selbst nach realen Anknüpfungspunkten ins eigene Leben zu suchen.

Aber vielleicht vermag hier gerade die Betrachtung des nackten Täuflings Jesus Abhilfe und sinnvolle Bezugspunkte zum eigenen Leben zu schaffen: Zum Zeitpunkt sei­ner Taufe war Jesus noch ein unbedeutender Namenloser unter vielen. Er trug noch keine Aura, keinen Mantel des Besonderen. In der Betrachtung des Täuflings Jesus kann uns klarer wer­den, was die vertrauensvolle Öffnung eines Menschen in völliger Nacktheit ja letztlich zeigt: nie einen unbezwingbaren Helden, sondern – gerade im Gegenteil – immer einen Menschen in seiner Verletzlichkeit, in seiner Schwäche und Verwundbarkeit. So eine Begeg­nung mit der Nacktheit eines Anderen konfrontiert aber letztlich mit der eigenen Verletz­lichkeit, Schwäche und Verwundung – und das provoziert in jedem Fall: Entweder macht es Angst, verschließt zu Abscheu, Flucht oder gar aggressiver Abwehr – oder aber es ermutigt und befreit selbst zum Ablegen eigener Schutzpanzer und Masken und zu angst­freiem Agieren auf der Basis empfangenen Vertrauens.

Immerhin – das Schlüssel-Wort zur zweiten Reaktionsweise hätten wir alle schon emp­fangen: in der eigenen Taufe – für die meisten von uns im frühesten Kleinkindalter, also ebenfalls in einer Situation völliger Nacktheit und Wehrlosigkeit, völliger Verdienstlosigkeit und Angewiesenheit auf die Zuwendung anderer. In der Taufe wird jedem Menschen ohne Wenn und Aber dasselbe zugesagt wie Jesus am Jordan: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Gefallen gefunden.“


 Nächste Predigt: 4. Sonntag im Jahreskreis − B, 28. Jänner 2018

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(Ingeborg Bachmann)