11. Sonntag im Jahreskreis – C:
Gal 2,16.19-21 / Lk 7,36-50

(Linz – Ursulinenkirche, 12. VI. 2016)

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Das Setting dieser Evangelienszene folgt beinahe einem typischen Hollywood-Muster: Da ist auf der einen Seite der Pharisäer: ein Angehöriger des bürgerlichen Mittelstands – hinter seiner wohlanständigen Fassade in Wirklichkeit aber ein bornierter Kretin mit gemeinen Gedanken; auf der anderen Seite die stadt­bekannte Sünderin: ein under-dog, aber mit zu großer Regung und selbstvergessener Hin­gabe fähigem Herzen. Es ist von vornherein klar, wem unsere Sympathien gehören. Und ganz nach unserem Geschmack läuft die Szene ja auch ab: Ein glatter Sieg für die Außen­seiterin; der nach außen hin brave, in seinem Herzen aber verdorbene Spießer kriegt sein Fett und seine Lehre ab. – Aber wäre das nicht etwas platt? Das Evangelium bloß eine harmlose Prime-time-story?

Versuchen wir einmal, die Spannung nicht zu verharmlosen, die doch das Grundgewebe dieser ganzen Szene darstellt! Versuchen wir, dieser Spannung ihre Spitze zu lassen, indem wir gerade nicht in bewährter Hollywood-Manier aus der Sünderin des Evangeliums eine eigentlich ganz sympathische Figur und gar die Heldin der Story machen und den frommen Gastgeber Jesu einfach als Heuchler und Spießer abstempeln. Denn damit machten wir es uns zu leicht: Damit projizierten wir doch nur unsere eigenen Vorlieben auf das Verhalten Jesu. Auch wir haben ja ein Faible für sympathische kleine Gauner; und auch wir setzen selbstgerechte Heuchler zurecht auf die Anklagebank. – Versuchen wir also im Gegenteil, in dem Gastgeber Jesu keinen bornierten Heuchler zu sehen, sondern wirklich einen Mensch mit besten Absichten und redlichem Bemühen um Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit; und nehmen wir die Sünder des Evangeliums einmal tatsächlich als verbogene Existenzen, als durchtriebene, berechnende Charaktere, für die wir keinen Funken Sympathie, geschweige denn Liebe aufbringen könnten.

Wenn wir das Evangelium einmal so lesen, dann gewinnt die ganze Szene plötzlich eine unerwartete Schärfe; dann spüren wir, welch unerhörte Provokation aus dem Verhalten Jesu, aus Seiner Zuwendung zur Sünderin spricht: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse, und Er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Das hat Jesus bereits in seiner Bergpredigt gesagt. Jesus verkündet also einen Gott, der allen Menschen – ohne Ausnahme – Seine Zuwendung schenkt, der auch da noch liebt, wo nicht nur gesellschaftliche Normen Liebe und Zuwendung versagen, sondern auch unser sicheres Gefühl für Gerechtigkeit und Maß. Gott liebt auch da noch, wo wir selbst bei bestem Willen nicht mehr lieben können. Das sagt Jesus in seinem Verhalten gegenüber der Sünderin. Und das ist die nicht zu entschärfende Provokation des Christentums.

Solch ein Stoff eignet sich mit keiner Faser mehr für eine harmlose Sonntags-Geschichte mit Happyend. Dieser Stoff wirft das Maß all dessen schlichtweg über den Haufen, was eine bürgerlich-aufgeklärte Moral für gerecht, für angemessen, ja sogar noch für weitherzig und großzügig zu halten bereit ist. Maßstäbe, nach denen wir gewohnt sind, menschliches Verhalten zu bewerten und zu beurteilen, verlieren hier einfach Gültigkeit und Sinn. Vielleicht kommt unser soziales Zusammenleben nicht ohne solche Maßstäbe aus – für Gott sind sie belanglos.

Was uns Jesus in seinem Gleichnis von den Schuldnern und in seinem Verhalten zur Sünderin mitteilt, bringt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater in eine theologische Formel: dass nämlich „der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, …; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht.“ – Dieser biblische Gerechtigkeitsbegriff hat nichts, aber rein gar nichts zu tun mit üblichen Gerechtigkeitsvorstellungen, die sich allesamt an irgendwelchen sittlichen Leistungen bzw. Verhaltensmustern orientieren. Der biblische Gerechtigkeitsbegriff setzt ganz woanders an: Vor Gott ist nichts und niemand gerecht aus sich selbst heraus – kein Gesetz, keine Moral, kein Verhalten, kein Mensch. Was den Menschen vor Gott gerecht macht, ist eigentlich nicht beantwortbar. Es ist einfach so. Es gibt da kein „deshalb“ und „dadurch“ und „unter dieser oder jener Bedingung“. Gottes Liebesfähigkeit ist einfach größer als das Maß menschlichen Erklärens, Rechnens und Begreifens. Sie kann nur geglaubt werden – oder eben nicht.

Gewiss: Angesichts dessen muss vieles zusammenbrechen, womit wir mühsam Ordnung zu bringen versuchen in unsere ohnehin schwer zu ordnende Welt. Wir täten uns zweifellos viel leichter mit einem Seelenkrämer-Gott, mit dem wir klare, berechenbare Geschäfte abwickeln könnten: Tausche moralisch anständiges Leben gegen himmlische Belohnung! – Für den biblischen Gott scheinen solche Rechnungen aber irrelevant zu sein. Seine Liebe ist frei erwählend – und in ihrer Freiheit geradezu ungerecht. Sie gilt ja v.a. jenen, die gerade nichts vorzuweisen haben an sozialen Verdiensten und moralischen Leistungen: Armen, Schwachen – und eben auch Sündern. Die können gar nicht anders, als auf seine Barmherzigkeit zu vertrauen. Aber alle Anderen stehen vor einer Entscheidung, aus der es keinen Ausweg gibt: Entweder die Unberechenbarkeit und Freiheit der Liebe Gottes akzeptieren – oder doch lieber auf eine leistungsorientierte Moral und messbare Gerechtigkeit bauen? Das Evangelium ist eine klare Einladung zur ersten Alternative.


Nächste Predigt: 13. Sonntag im Jahreskreis − C, 26. Juni 2016

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Die Wahrheit ist
dem Menschen
zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)