15. Sonntag im Jahreskreis – B: Mk 6,7-13

(Linz – Ursulinenkirche, 15. VII. 2018)

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Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die liturgische Leseordnung unserer Kirche eine bestimmte Absicht damit verfolgt – aber dieser Evangelienabschnitt von der Aussendung der 12 Apostel kommt immer so um den Beginn der Urlaubszeit herum. Viele von uns sind gerade damit beschäftigt, die Packlisten für ihre Urlaubsreisen zusammenzustellen, und ringen mit den dafür stets zu knappen Rahmenbedingungen: Fluggepäcksbegrenzungen, Autokofferräume oder auch die Größe und Tragbarkeit des Rucksacks. Und genau in dieser Situation – fast wie zum Hohn – wird uns die Reiseausrüstung des Evangeliums präsentiert: Nicht einmal eine Tasche, kein Mundvorrat, kein Geld im Gürtel; nur die Kleider am Leib, Sandalen, ein Wanderstab – und eine vage Zielangabe. – Zugegeben, der Vergleich hinkt: Es war ja eine völlig an­dere Zeit, eine andere Kultur, ein anderes Klima – und: Es war ja auch nicht die Aus­rü­stung für eine Urlaubsreise… – Dennoch, die Provokation bleibt und hinterlässt eine bohrende Frage: Was brauche ich wirklich zum Leben?

Diese Frage ist zweifellos wichtig und immer wieder zu stellen. Aber ich glaube nicht, dass die Erzählung des Evangeliums primär darauf abzielt. Es geht dem Evangelium nicht primär um die Propagierung eines asketischen Ideals, nicht um eine weltfremde und sauertöpfische Kritik an den Gütern des Wohl­stands, die uns das Leben doch angenehmer machen. Christsein zielt nicht automatisch auf eine antimaterialistische Flower-Power-Kultur ab; und es gibt überhaupt nichts auszusetzen an einer Tauchausrüstung, einer Reisebibliothek oder am Abendkleid im Urlaub. – Das Anliegen des Evangeliums geht tiefer.

Jesus sendet die 12 Apostel aus zu einer „Missionsreise“ (wie wir heute sagen würden). Es geht also um nichts weniger als um die Frage, wie das Evangelium vom Gottesreich weiterzutragen ist. Und die spartanische Reiseausstattung spielt dafür offenbar eine wesentliche, zeichenhafte Rolle: Wer sich mit derart wenig Mitteln auf eine Reise und in die Fremde begibt, setzt sich selbst extremer Prekarität aus. Er ist de facto gezwungen, darauf zu vertrauen, dass er das zum Überleben Notwendige zeitgerecht (vor-)finden wird. Es gibt dann keine andere Sicherheit mehr – nicht einmal einen Not-Proviant. Es gibt nur noch das Vertrauen auf die Zuwendung anderer – ohne Eigen- bzw. Vorleistung, ohne Rechtsanspruch, ohne Rückholversicherung. – Das aber bedeutet letztlich Glauben im biblischen Sinn. Denken Sie an die Erzählungen von Abraham, der sich seiner Heimat, seines großfamiliären Backgrounds, schließlich sogar seines eigenen Sohnes begeben muss, um Stammvater der im Sinne der Bibel Glaubenden zu werden – so zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer! Denken Sie an das Manna, die Nahrung des Volkes Israel während seiner Wüstenwanderung, von der immer nur der unmittelbare Tagesbedarf gesammelt werden durfte und jede darüber hinaus eingesammelte Menge stinkend vergammelte! Denken Sie an die Bitte des Vater-unsers um das tägliche Brot – nicht mehr! – Biblisch glauben bedeutet also weder die Fürwahrhaltung bestimmter Dogmen noch die penible Beachtung moralischer Normen. Biblisch glauben bedeutet primär die Annahme des eigenen Lebens als reines Geschenk und in der Folge ein Leben aus diesem Verdanktsein, Leben in der Grundhaltung aufrichtiger, echter Dankbarkeit. – Das war und das ist immer noch die Botschaft, die weiterzutragen Jesus seine Gefährten aussandte, und ihre prekäre Reiseausstattung sollte dafür das glaubwürdige Zeichen, ja selbst direkter Ausdruck dieser Botschaft sein – ohne weitere Worte und Erklärungen.

Vielleicht würde so ein Zeichen heute nicht mehr verstanden oder überhaupt ganz anders gelesen, z.B. als Ausdruck persönlicher Verantwortungslosigkeit. Man ist in unserer modernen Gesellschaft gehalten, für das zum eigene Leben Nötige selbst zu sorgen, soweit man es eben vermag, und – als ChristIn zumal – auch noch solidarisch für jene mitzusorgen, die dasselbe selbst nicht vermögen. Dennoch bedeutet biblisch glauben heute noch dasselbe wie damals – und vielleicht kann die jährliche Unterbrechung unseres Alltags in der Urlaubszeit auch dazu dienen, die Grundhaltung unseres Glaubens wieder neu einzuüben: zumindest für ein paar Wochen nicht arbeiten, nichts leisten, sondern das Leben – trotz Hotel- und Restaurantrechnung – als reines Geschenk annehmen und dankbar sein.


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