6. Sonntag der Osterzeit – A: 1Petr 3,15-18

(Kunst-Sonntag des Forum St. Severin: Linz – Ursulinenkirche, 21. V. 2017)

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Was ich an der Begegnung mit Kunst – v.a. mit der bildenden Kunst und der Musik – besonders schätze, ist die Erinnerung daran, dass es auch Sprachen jenseits des Wortes gibt – keineswegs defizitäre Sprachen; eher komplementäre Sprachen, welche noch Kommunikation ermöglichen, wo das gesprochene oder geschriebene Wort an Grenzen stößt oder gar missverständlich wird. – Diese Erfahrung wirft auch ein besonderes Licht auf einen Kernsatz der heutigen Lesung aus dem 1. Petrusbrief:

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“, heißt es da – und weiter: „aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig.“ Ich habe diesen Zusatz bislang zumeist überlesen. Nun ahne ich eine mögliche Bedeutung: Mit diesem „Rede und Antwort-Stehen“ ist gar nicht so sehr ein sprachliches, wortreiches Geschehen gemeint, kein theologischer Diskurs etwa zur intellektuellen Begründung christlichen Glaubens und christlicher Hoffnung, wie mir am Anfang meines Theologie-Studiums dieser Bibelvers nahe gebracht und erklärt wurde. Genau darum aber geht es vielleicht gar nicht: Gerade keine große Rede ist gemeint, sondern bescheidene Antwort, die in ihrer Bescheidenheit zugleich Ausdruck unverdrossener Selbstverständlichkeit und Festigkeit ist.

Vielleicht ist die Bescheidenheit, von welcher der Petrusbrief spricht, sogar ein Gegenbegriff zu einer besonders problematischen Tendenz christlicher und zumal theologischer Rede: dem vorschnellen Wort, mit dem allzu rasch und vermeintlich fromm Gott ins Spiel gebracht oder über Gott Bescheid gewusst wird. Vielleicht zielt der Kernsatz der heutigen Lesung mit seiner Ermahnung zur Bescheidenheit und Ehrfurcht gerade auch darauf ab: auf eine allzu selbstsichere theologische oder fromme „Gottesgewissheit“.

Ja, vielleicht bedeutet „bescheiden Rede und Antwort stehen“ in unserem Zusammenhang überhaupt kein Reden mehr in der Sprache des Wortes, sondern vielmehr etwas ganz anderes: ein unverdrossenes, selbstverständliches Handeln, in dem selbst Hoffnung sichtbar wird. Ist nicht die konkrete Praxis eines Menschen ein viel überzeugenderer Ausdruck seiner Anschauungen, seiner Haltungen und auch Hoffnungen – überzeugender als jede noch so geschliffene oder fromme Rede? Bezeugt den „religiösen Glauben“ eines Menschen nicht letztlich seine besondere Lebenspraxis – weitaus mehr und v.a. glaub-würdiger als sein bloß gesprochenes, vielleicht gar wortreiches Bekenntnis? Ja, darf hierin nicht sogar eine Analogie behauptet werden zwischen authentischem Glauben und qualitätvoller Kunst: dass sie jeweils aus sich und für sich selbst sprechen – und der wortreichen Erklärung gar nicht bedürfen, oder eine solche keinen Mehrwert böte?

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt, aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.“ – Das könnte also bedeuten: Das mutig tun, was man als notwendig erkennt, bzw. das offen aussprechen, was man für angebracht hält; dabei aber stets eine bescheidene Selbstverständlichkeit walten lassen – ohne frommes und wortreiches Pathos, sondern einfach weil Gewissen und Verantwortung es gebieten. Vielleicht ist das schon Rede und Antwort genug im Sinne des Petrusbriefs: nämlich Ausdruck einer festen, in sich ruhenden Hoffnung, die das Ziel einer couragierten Tat oder eines offenen Worts weder aufgegeben und noch selbst resigniert hat.


 Nächste Predigt: Pfingsten − A, 4. Juni 2017

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Die Wahrheit ist
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(Ingeborg Bachmann)