7. Sonntag im Jahreskreis – A:
1Kor 3,16-23 / Mt 5,38-48

(Ö1 – Erfüllte Zeit / Linz – Ursulinenkirche, 19. II. 2017)

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Diese Passage aus der Bergpredigt Jesu zählt zu den gewiss herausforderndsten Texten der gesamten Bibel. Die hier gemachten Vorgaben stellen für die meisten Menschen nicht nur eine moralische Überforderung dar, sondern auch eine unerhörte Provokation. – Feindes-liebe!!! – Ist das nicht widersinnig? Feindschaft und Liebe sind doch rein semantisch schon als Gegensatzpaar definiert. Feinde lieben! – Kann man von jemandem etwa verlangen, sich mit Wasser abzutrocknen? – Eben!

Generationen von Theologen und Predigern haben schon versucht, diesen Text zu glätten, seinen Widersinn „weg zu interpretieren“ und das Unmaß seiner moralischen Forderungen mundgerecht zuzurichten. Aber keiner dieser Versuche vermag wirklich zu überzeugen und der Wucht dieses Textes standzuhalten.

Ich will ihn deshalb einmal so stehen lassen, wie er ist. Vielleicht liegt eine seiner Bedeutungen schon darin, dass er uns daran erinnert und spüren lässt, dass es in der Auseinandersetzung und Begegnung mit dem Gott der Bibel nie ein Genug, nie ein Fertigwerden, nie ein Ebenmaß geben kann. Gott ist immer größer als unser Begreifen, immer mehr Frage als Antwort und unser Glaube an Ihn immer mehr Wunde als Pflaster. Wer glaubt, wird Gott und sein Wort nie als erledigt abhaken können.

Es wäre aber jetzt zu billig, mit dieser Einsicht unseren sperrigen Evangelientext beiseite zu legen und ihm genau damit den Stachel zu ziehen, der er sein will und bleiben muss. Immer wieder gilt es, einen neuerlichen Anlauf und Versuch zu unternehmen, wenigstens ein paar Silben davon zu begreifen oder wenigstens zu erahnen.

Einen möglichen Zugang könnte die heute dem Evangelium vorangestellte Lesung aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus erschließen: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“, fragt der Apostel da in seinem Brief und antwortet gleich selber: „Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“ – Auch diese Worte sind eine Überforderung, wenngleich eine weitaus angenehmere: Tempel, Wohnung Gottes sein – welcher Mensch vermag das? Wir: unfertig und ungenügend, wie wir sind; eher noch ein Rohbau, eher eine ewige Baustelle als eine Wohnung, ein Tempel gar? Und dann auch noch: heilig – nicht als Forderung, sondern als Feststellung: „Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“ – Nein, wenn diese Zusage gilt, dann muss sie allen Menschen gelten. Welche Vorzüge hätte ein Einzelner schon vorzuweisen, dass sie diese Titulierung rechtfertigten in Unterscheidung zu anderen Menschen? – Nein, wenn schon „heiliger Tempel“, wenn schon „Wohnung Gottes“ – dann heißen alle Menschen so und sind alle heilig! – Heilig: also verehrungswürdig, unantastbar, unbedingt liebenswert. – Alle: also auch die ganz Anderen, letztendlich sogar die eigenen Feinde.

Vielleicht sind diese so zu lieben, wie man eben das Heilige liebt: nicht unbedingt mit derselben Wärme und Zärtlichkeit, mit der man Freunde oder gar Lebenspartner liebt – aber jedenfalls in unbedingter Ehrfurcht und Respekt und im Bewusstsein, dass dieser Andere, dass dieser Feind von unbedingter Bedeutung und Würde ist: Heilig auch er; auch er ein Tempel Gottes – selbst noch im brennendsten Konflikt.


 Nächste Predigt: Aschermittwoch − A, 1. März 2017

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Die Wahrheit ist
dem Menschen
zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)