16. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 13,24-30

(Linz – Ursulinenkirche, 23. VII. 2017)

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Wucherndes Unkraut – Sie alle kennen das, nicht nur von der sommerlichen Gartenarbeit her und sogar, wenn Sie gar keinen Garten besitzen: Man setzt sich – beruflich oder in der Freizeit – auseinander und ein für soziale und internationale Gerechtigkeit, für ökologische Verantwortung oder Frieden, für Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Politik usw., oder auch in privateren Räumen: in der Erziehung von pubertierenden Kindern etwa, in der Begleitung von Menschen mit sozialen Defiziten oder auch im Bemühen um persönliche Umkehr und Einübung eines neuen Lebensstils: Immer wieder begegnen uns da bohrende Erfahrungen (zumindest scheinbarer) Vergeblichkeit, Erfahrungen des berühmten Tropfens auf den heißen Stein oder – im Bild des heutigen Evangeliums: die Erfahrung des Unkrauts, das stets mächtiger zu wuchern droht als die gute Saat.

Das eigentliche Problem an solchen Erfahrungen der Vergeblichkeit besteht aber nicht so sehr in den objektiven, übermächtigen Tatsachen: Die Welt ist eben, wie sie ist. Ich kann vielleicht mein Scherflein dazu beitragen, dass ihr Lauf ein wenig gerechter, friedlicher, zukunftsfähiger wird. Aber ob das zu einem vorzeigbaren Ergebnis oder gar Erfolg führt, ist eigentlich zweitrangig. Ich muss diese Welt ja nicht erlösen; das steht einem Anderen, Größeren zu. – Das ist also nicht das eigentliche Problem, zumindest nicht für den Menschen, der dem Gott der Bibel vertraut. – Das eigentliche Problem an diesen Erfahrungen der Vergeblichkeit besteht vielmehr darin, was sie in einem Menschen selbst auszulösen imstande sind – und das sind im Wesentlichen zwei hochproblematische Haltungen: Resignation oder radikaler Erlösungswahn.

Das Erstgenannte – Resignation – ist wohl häufiger: Der resignierte Mensch hat zumindest seine Mitwelt aufgegeben und verweigert sich ihr. Er kann sich bestenfalls noch kurzatmigem Genuss hingeben; aber sein Leben hat kein Wozu, kein Woraufhin, keinen Sinn und kein Ziel mehr. Ein resignierter Mensch ist nicht einmal mehr liebesfähig. Er ist zum dahinvegetierenden Tier geworden. Seine Lebensperspektive beschränkt sich auf die möglichst effiziente und befriedigende Erhaltung der persönlichen Lebensfunktionen. Die übrige Welt interessiert ihn nicht mehr.

Der andere Straßengraben: Radikalisierung und Fanatismus; die Wahnvorstellung, das Übel in der Welt mit Gewalt ausmerzen zu können; die Versuchung, das Unkraut einfach radikal, also samt seinen Wurzeln ein für alle Mal auszureißen. Ein radikaler Mensch hat zwar alles, was einem resignierten Menschen fehlt: ein Woraufhin, ein Ziel, eine Vision. Aber er hat das Gespür für die geeigneten Mittel verloren, seinem Ziel näher zu kommen. Er ist bereit, zusammen mit dem Unkraut auch den guten Weizen auszureißen. Auch so ein verbissener Weltverbesserer hat seine Liebesfähigkeit verloren. Er ist zum rasenden Tier geworden. Seine Wahrnehmung beschränkt sich auf das mit allen Mitteln zu erreichende Ziel. Kollateralschäden und dadurch verursachtes Leid interessieren ihn nicht (mehr).

Resignation oder Erlösungswahn. Die Kunst besteht darin, die Spannung zwischen beiden Polen auszuhalten. Und das Gleichnis von Unkraut und Weizen gibt dazu eine unscheinbare Ermutigung, wenn es darin heißt: „Mit dem Himmelreich ist es, wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker sät – auch wenn der dann von wucherndem Unkraut heimgesucht wird.“ – So ist es mit dem Himmelreich, d.h.: Das Himmelreich wird nicht erst dann sein, wenn das Unkraut vom Weizen getrennt und endlich vernichtet ist. Nein, das Himmelreich ist vielmehr schon ganz gegenwärtig und wirklich, wo ein Mensch nicht Angst um seine Saat hat; wo er darauf vertraut, dass er nicht umsonst sät – allen Widerständen und allem gegenteiligen Anschein zum Trotz. Darauf kommt es offenbar an. – Die Wirklichkeit des Himmelreichs bemisst sich also nicht an sichtbaren Ergebnissen und Erfolgen, sondern vielmehr an der Haltung, in der ein Mensch seinen guten Samen in diese Welt senkt: Weder in resignativer Verweigerung noch in verbissener Weltverbesserei, sondern in unbekümmerter Treue zu dem, was er als gut erfahren und erkannt hat.


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Die Wahrheit ist
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(Ingeborg Bachmann)