32. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 25,1-13

(Linz – Ursulinenkirche, 12. XI. 2017)

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Wie wenige andere Bibelstellen steht dieses Gleichnis von den 5 klugen und den 5 dummen Jungfrauen in Gefahr, gründlich missverstanden zu werden. Es entspricht – oberflächlich betrachtet – so sehr einer spießbürgerlichen Moral, dass der kritische Bibelleser eigentlich sofort alarmiert sein muss, weil er mit so einer Deutung des Gleichnisses doch unweigerlich in Konflikt geraten muss mit anderen biblischen Kennzeichnungen des Gottesreiches.

Diese oberflächliche Deutung des Gleichnisses geht in etwa so: Die dummen Jungfrauen werden mit dem Ausschluss von der Hochzeitsfeier dafür bestraft, dass sie einfach leichtsinnig in den Tag bzw. in die Nacht hineinlebten und sich damit begnügten, „von der Hand im Mund“ zu leben. Ganz anders die „klug“ genannten Jungfrauen: Sie haben vorgesorgt; sie wissen um die Begrenztheit aller Ressourcen und haben sich entsprechend darauf eingerichtet. – Sie sind wie wir Durchschnitts-Mitteleuropäer, die laut einer statistischen Erhebung mit einem Vermögen von mindestens € 150.000 sterben. Öl für € 150.000! Da kann der Bräutigam ruhig noch einige Nächte auf sich warten lassen! Mit unseren konsequent und vorausschauend angesparten Reserven lässt sich bei Fortführung der schon bisher sparsamen Lebensführung bequem noch eine Weile ausharren; so schnell wird uns das nötige Öl nicht ausgehen.

Spätestens hier muss der aufmerksame Bibelleser stutzig werden: Wird im Evangelium nicht genau jener Reiche ein Narr gescholten, der (ebenso vorausschauend wie die klugen Jungfrauen) für seine riesige Ernte neue, größere Vorratsspeicher errichten will – nicht bedenkend, dass schon in der folgenden Nacht sein Leben zurückgefordert werden könnte? Singt die berühmte Bergpredigt nicht im Gegensatz dazu ein Loblied auf die Vögel, die – gar nicht vorausschauend – weder säen noch ernten, sondern einfach von dem leben, was der Tag ihnen aus der Hand Gottes schenkt? Und finden wir im Evangelium nicht etwa auch das Lob der armen Witwe, die ihren letzten Cent in den Opferkasten wirft – ohne Berechnung, ohne sich zu fragen, wovon sie danach leben soll? Ja, muss uns nicht gerade in diesem November-Tagen, in denen wir große Heilige des Teilens feiern: Martin mit seinem Mantel und Elisabeth von Thüringen, die all ihr Vermögen mit den Armen teilte – muss uns angesichts solcher Vobilder nicht auch das unsolidarische Verhalten der in unserem Gleichnis so gelobten klugen Jungfrauen irgendwie sauer aufstoßen? Sie teilen gerade nicht und ernten dafür dann auch noch Lob und Anerkennung. – Das kann nun aber nur bedeuten: Das vorrätige Öl in unserem Gleichnis muss letztlich für etwas anderes stehen; für etwas, das man eben nicht teilen kann, wofür jedeR selbst verantwortlich ist und worum sich zu sorgen, niemand einem Anderen abnehmen kann.

Also noch einmal: Was die klugen von den dummen Jungfrauen unseres Gleichnisses unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie offenbar mit einem längeren Atem leben, dass sie mit längeren Zeitspannen und Wegstrecken rechnen – mit Durststrecken, wenn Sie so wollen. Und da kenne ich mich aus: Meine eigene Erfahrung als Weitwanderer hat mich oft und oft gelehrt, dass es eine unerlässliche Grundbedingung gibt für das Überbrücken und Aushalten langer Wegstrecken – und zwar noch wichtiger als ausreichend Wasser und Proviant: die Leidenschaft für ein Ziel. Im Bild unseres Gleichnisses: Du brauchst etwas, das Dein Feuer am Leben hält, wenn die Nacht auch lang ist. Beim Wandern ist es ein attraktives Ziel; auf unsere ganze Existenz übertragen nenne ich es Sinn, ein Woraufhin Deines Lebens oder wenigstens ein Warum. „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“, hat einmal der Philosoph Friedrich Nietzsche formuliert.

Doch Vorsicht! Auch das könnte schon ein Zuviel an Gesagtem sein: Die allzu sichere Formulierung eines Sinns, die Verfolgung eines allzu sicher gewussten Ziels könnte selbst wieder in eine faule Routine abgleiten, die die Fackel ebenfalls zum Erlöschen bringen kann: nicht aus Mangel an Öl, sondern aus einem Zuviel an Asche. Weil es bei unserem Gleichnis ja um das Gottesreich geht, möchte ich diese Aussage auch noch einmal religiös wenden: Die allzu sichere Formulierung von Glaubenssätzen, das allzu vertrauensselige Bekennen religiöser Verheißungen und die davon abgeleitete, allzu unkritische Übernahme und Befolgung religiöser Lebensregeln kann den Glauben zum inhaltsleeren Vollzug korrumpieren lassen, kann das Feuer in ein bloß noch Asche produzierendes Dahinqualmen ersticken.

Was es für die Jungfrauen unseres Gleichnisses also noch wesentlicher braucht als eine klar formulierte Ursache und ein entschiedenes Woraufhin ihres Wartens – was allein das eigentliche, unerschöpfliche Öl sein könnte, das ihre Fackeln am Brennen hält: Es ist nicht einfach ein sicheres Ziel ihres Ausharrens, es ist nicht die verheißene Gewissheit, dass da ein Bräutigam kommen wird; es ist vielmehr die bloße Sehnsucht nach solch einem Kommen. So eine bloße Sehnsucht scheint weniger zu wiegen als die angebliche Gewissheit christlichen Glaubens. Aber eigentlich ist sie sein wirkliches Synonym: Glaube ist primär Sehnsucht – nicht Sicherheit! Wunde – nicht Pflaster! Diese Sehnsucht muss je­der Mensch in sich offen und wachhalten. Diese Sehnsucht allein verhindert, dass dem Feuer unseres Lebens der Brandherd abhanden kommt. Diese Sehnsucht kann auch niemand stellvertretend für einen Anderen nähren oder mit ihm teilen. Und wehe dem, der meint, diese Sehnsucht stillen zu können oder ihr Ziel schon erreicht zu haben!


 Nächste Predigt: 1. Adventsonntag − A, 3. Dezember 2017

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