24. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 18,21-35

(Linz – Ursulinenkirche, 17. IX. 2017)

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Sie kennen das: „Tschuldigung!“, sagt einer, der in der vollen Straßenbahn recht unsanft an Ihnen vorbei drängt, und ist schon bei der Tür hinaus. Oder z.B. in einer Team-Besprechung: „Okay, ja, ich habe da etwas verbockt. Mein Fehler! Ich entschuldige mich dafür.“ − Etwas an diesen Äußerungen stimmt doch nicht!

Selbstverständlich gesagt, ebenso selbstverständlich gehört und akzeptiert – obwohl sie eigentlich alles andere als selbstverständlich sind, es gar nicht sein können: weil sie etwas sagen, das sich gar nicht von selbst versteht; weil es gar nicht verstehbar ist, was da gesagt wird; weil es das eigentlich überhaupt nicht gibt: nämlich „sich selbst entschuldigen“! – Wie sollte denn das auch gehen: sich aus eigener Schuld entlassen? Es hieße, sich einfach selbst aus einer Verantwortung und Verpflichtung entlassen, sich also letztlich davon stehlen – und damit erneut schuldig werden. Entschuldigen, verzeihen, vergeben – das kann eigentlich nur der Andere, an dem ich schuldig geworden bin.

Vielleicht sind viele unserer alltäglichen Selbst-Entschuldigungen einfach unbedacht, ohne böse Absicht einfach so dahin gesagt und meinen schon das Richtige: nämlich die Bitte um Entschuldigung und um Vergebung durch den Anderen. Vielleicht verraten sie aber auch mehr über den Sich-selbst-Entschuldiger, als diesem lieb bzw. bewusst ist: dass er eben tatsächlich der Verpflichtung entkommen will, in die ihn seine Begegnung mit dem Anderen und zumal seine Schuld gebracht hat, bzw. dass er diese Abhängigkeit gar nicht anerkennen will: Er hat sich schuldig gemacht; er will die Schuld auch wieder selbst tilgen; er will also alles selber tun. Er will frei und unabhängig bleiben. Wer wollte das nicht?

Vielleicht aber besteht gerade darin Schuld im eigentlichen Sinn: im Nicht-Akzeptieren, im Nicht-Anerkennen der Abhängigkeit und Verbindlichkeit, die ein immer währendes Grundelement menschlicher Begegnung, menschlicher Beziehung und insofern menschlichen Lebens überhaupt ist; die eigentliche Schuld bestünde dann im Nicht-Anerkennen jener eigenen Verantwortung und Verpflichtung anderen gegenüber, ohne die es gar kein Menschsein gibt.

Auch das wäre jedenfalls eine mögliche Lesart des heutigen Evangeliums: Da ist einer, der Schuld auf sich geladen hat – im Bild des Evangeliums sogar eine riesige, eigentlich unbezahlbare Schuld. Ihm wird vergeben und die Schuld erlassen. Was dann geschieht, ist im höchsten Maß verwerflich: Der von seiner Schuld Befreite ist nicht bereit, seinerseits Schuld zu vergeben. Moralisch abscheulich – gewiss. Aber ich glaube, es geht dem Evangelium – wie eigentlich immer – um mehr als um bloße Moral und moralische Verpflichtung. – Es macht vielmehr deutlich: Es gibt zwischen Menschen eine gegenseitige Verpflichtung, die eigentlich immer besteht und unaufhebbar ist. Schuld verpflichtet, macht abhängig – das ist klar. Aber nicht nur Schuld; auch die Vergebung von Schuld entlässt nicht einfach aus der zwischenmenschlichen Verpflichtung, hebt die Bindungen nicht einfach auf. Was bei der Vergebung von Schuld aber geschieht, ist Verwandlung dieser Verpflichtung und Bindung ins Positive, ins Leben Fördernde: Die erfahrene Vergebung, die erfahrene Befreiung, die erfahrene Zuwendung verpflichtet, selbst wieder zu vergeben, zu befreien, zu lieben.

Man kann es auch anders sagen – wie etwa Paulus in seinem Römerbrief, wo er schreibt: „Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer!“ – Es gibt demnach eine Schuld, eine Verpflichtung, die niemals endet: das Empfangene selbst wieder weiterzugeben: Leben, Vergebung, Liebe. Ich meine, das ist mehr als bloße Moral; es ist eher das innere Wesen menschlichen Lebens, wie es von Gott gewollt ist. – Ob es einem passt oder nicht: Es gibt keine Entlassung aus dieser Verbindlichkeit – höchstens Vergebung.


 Nächste Predigt: 26. Sonntag im Jahreskreis − A, 1. Oktober 2017

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(Ingeborg Bachmann)