17. Sonntag im Jahreskreis – C:
Gen 18,20-32 / Lk 11,1-13

(Linz – Ursulinenkirche, 24. VII. 2016)

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„Zeig mir, wie Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!“ – Eine Binsenweisheit. Es ist kaum überraschend, dass die Art, wie jemand wohnt, auch etwas aussagt über diesen Menschen: über seinen Charakter oder seinen Geschmack genauso wie über sein Einkommen usw. Und das gilt auch nicht nur für das Wohnen: Etwas vom Wesen eines Menschen wird nicht weniger ablesbar am Auto, das er fährt, an seinen kulturellen Interessen, seinem Freizeitverhalten, seinem Kleidungsstil – sogar an der Frage, ob überhaupt und – wenn ja – wie er betet. Ja, man kann wohl tatsächlich auch sagen: „Sag mir, wie Du betest, und ich sage Dir, wie Du glaubst!“

Die beiden Bibellesungen des heutigen Sonntags liefern genau dafür treffliche Beispiele. Da ist zum Einen dieses hartnäckige Fürbittgebet Abrahams für die berüchtigte Stadt Sodom; es sagt gleich mehrerlei über den Beter: 1. dass er aus dem Vorderen Orient stammen muss. Feilschen gehört dort einfach zur Alltagskultur, und so darf es auch nicht verwundern, dass Abraham auch mit Gott feilscht – und zwar äußerst tüchtig: Den Preis von anfänglich 50 Gerechten für die Verschonung Sodoms drückt er ordentlich herunter auf schlussendlich 10. Aber darum geht es in dieser Überlieferung wohl gar nicht. Wichtiger und interessanter ist daran, dass Abrahams Glaube ganz in seiner alltäglichen Lebenswelt spielt und verankert ist. Abraham begegnet Gott auf Du und Du, wie einem x-beliebigen Handelspartner auf dem Markt – nicht weniger handfest, konkret, vertraut und selbstverständlich – ohne Weihrauch und Feiertagssprache. – Und 3. Abrahams Gebet ist eine Für-bitte; er bittet nicht für sich, sondern für andere. – Sag mir, wie Du betest, und ich sage Dir, wie Du glaubst! – Im Falle Abrahams kann man geradezu sagen, dass er nicht für sich glaubt, nicht, damit es ihm selbst besser geht, nicht zur eigenen, persönlichen Erbauung und Absicherung, nicht fürs eigene Seelenheil; nein, er lebt seinen Glauben gewissermaßen um anderer willen. – Es geht jetzt nicht darum, Abrahams Art zu beten, einfach zu kopieren: Wir leben nicht in einer Kultur, in der man feilscht. Aber Sie und ich, wir könnten uns jedenfalls fragen, was unser Gebet, sein Stil, seine Richtung und seine Anliegen über uns selbst aussagen, über unseren persönlichen Glauben, also über unsere Beziehung zu Gott und auch über das Bild, das wir von ihm haben.

Damit komme ich auch zum heutigen Tagesevangelium: Ich glaube, dass es in Jesu Unterweisung, wie seine JüngerInnen beten sollen, nicht so sehr auf den Wortlaut und die genauen Inhalte des Vaterunsers selbst ankommt, auch wenn dieses Gebet gleichsam zum christlichen Grundwortschatz in der Rede mit Gott geworden ist. Ich glaube vielmehr, dass darin v.a. Grundhaltungen vermittelt und zum Ausdruck gebracht werden sollen. Das Vaterunser enthält dementsprechend drei Kernaussagen: 1. Menschliches Leben verfolgt keinen Selbstzweck; wir leben nicht um unseret-, sondern um Gottes willen. Sein Name werde geheiligt. – 2. Sein Reich komme. Das ist das Gebetsanliegen für diese Welt. Wer das Vaterunser betet, betet nicht nur für sich, sondern betet darum, dass Gottes Reich Wirklichkeit werde – als Herrschaft von Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen und insbesondere für alle im Hier und Jetzt Entrechteten, Armen, Unterjochten und an den Rand Gedrängten. – Und 3. In jenen Teilen des Vaterunsers, in denen der Beter doch für sich selbst eintritt, bittet er nicht um Erfolg oder darum, dass ihm dieses oder jenes gelingen möge oder dgl.; er erwartet vielmehr alles aus Gottes Hand: Brot, Vergebung, Schutz und Richtung. – Wiederum geht es hier für Jesu JüngerInnen (und also auch für uns) nicht einfach darum, das Vaterunser auswendig zu lernen und nachzuplappern. Es kommt vielmehr darauf an, die genannten drei Kernaussagen bzw. Grundhaltungen einzuüben und sich zu eigen zu machen, die das Gebet Jesu enthält.

Schließlich noch ein grundsätzliches Wort über das Beten: Ich bin davon überzeugt, dass es beim Beten nicht so sehr darauf ankommt, Gott zu etwas zu bewegen, sondern darauf, dass im Betenden selbst etwas in Bewegung kommt – so etwa wie im Gleichnis eines altsyrischen Wüstenvaters: Betende sind wie die Matrosen eines Schiffs, dessen Taue bereits ausgeworfen und an der Hafenmole festgemacht sind, und die nun mit aller Kraft daran ziehen – natürlich nicht, um das Ufer zu sich heran zu ziehen, sondern um sich und ihr Schiff dem Ufer zu nähern.


Nächste Predigt: 21. Sonntag im Jahreskreis − C, 21. August 2016

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Die Wahrheit ist
dem Menschen
zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)